Warum ist das Mündungsgebiet des Peezer Baches so wertvoll?

 

Der Breitling ist Teil des ehemaligen Warnow-Mündungsdeltas. Er besitzt eine eigenständige Ausstattung an Tier- und Pflanzenarten, die in dieser Kombination nur hier anzutreffen sind.

Wesentliche Ursachen dafür sind die differenzierten Salz-und Klimaverhältnisse entlang der südlichen Ostseeküste und die lange Zeitdauer der Landschaftsentwicklung seit etwa 6000 Jahren. Einige besonders gefährdete und hochspezialisierte Arten der mitteleuropäischen Fauna kommen nur noch hier in größerer Population vor. Die Zerstörung oder Veränderung dieser Lebensstätten würde das großräumige Aussterben solcher Arten weiter beschleunigen. Damit besitzen der östliche Warnow-Breitling und die angrenzenden Niederungen eine besondere Eigenart, die nicht ersetzbar ist.

Alljährlich werden die Flachwasserbereiche von tausenden Wasservögeln als Nahrungs-, Rast- und Überwinterungsplatz genutzt. Weitere Flachwassergebiete vergleichbarer Größe existieren in dem etwa 50 km langen Küstenabschnitt zwischen Wismar Bucht und Darßer-Zingster-Boddenkette nicht mehr.

Das Zug- und Rastgeschehen der Vögel würde bei Inspruchnahme dieser Gebiete einer dramatischen Veränderung unterliegen. Wichtige Nahrungsgründe und ein bedeutendes Fortpflanzungs- und Aufwuchsgebiet für Fische wird zerstört. Negative Folgen sind nicht nur für die Fischfauna des Breitlings, sondern im Hinblick auf Wanderfische auch für Fließgewässer des Einzugsgebiets und für die Fischerei zu erwarten. Die Hansestadt Rostock würde hier ihr eigenständiges Fischereirecht schädigen. Außerdem stellt das aktuell noch unzerschnittene Gebiet die wichtige Pufferzone zwischen den Industriestandorten Rostocks und der naturgeprägten Wald- und Moorlandschaft der Rostocker Heide dar.

Nicht zuletzt handelt es sich um den letzten verbleibenden erlebbaren Naturraum Warnow-Breitling für den Menschen, sei es als Erholungssuchender, Wassersportler, Naturinteressierten oder Angler.

Schon heute ist das ehemalige Warnow-Mündungsdelta zu großen Teilen durch Industrie- und Marinestandorte geprägt. Die ehemals außerordentlich reich gegliederte Küstenlandschaft wurde in nur 60 Jahren zu einer Technik-und Industrielandschaft umgebaut. Naturnahe Reste des Breitlings nennenswerter Größe bleiben nur am Ostufer des Breitlings erhalten.

Nach ungebremster Flächenexpansion hafenaffiner Industrie gelang es erst mit der politischen Wende in der DDR, die ökologische Bedeutung dieses Gebietes sowohl für den Arten-und Naturschutz als auch für den Menschen stärker in das Blickfeld des politischen Handels zu rücken. Als ein Erfolg der Umweltbewegung dieser Periode wurde das Ostufer des Breitlings mit den vorgelagerten Flachwasserbereichen und den binnenseitigen Feuchtgebieten zunächst als einstweiliges Naturschutzgebiet gesichert und später als Landschaftsschutzgebiet unter gesetzlichen Schutz gestellt. Die geplante Erweiterung der Hafenindustrie auf den Ostbreitling konterkariert die bisherigen Erfolge des Natur-und Umweltschutzes in diesem Küstenabschnitt und lässt das Engagement der vielen freizeitaktiven Umweltaktivisten der Wendeperiode in dieser Zeit im Nachhinein als sinnlos erscheinen.

Die Überplanung eines derart wertvollen, unwiederbringlichen Naturraums zeigt, dass Belange das Natur- und Umweltschutzes anscheinend auch weiterhin kurzfristigen wirtschaftlichen Erwägungen geopfert werden und das auch in der heutigen Umweltpolitik Wort und Daten weit auseinander liegen.

Trotz des globalen Wissens über die Bedeutung derartiger Küstenbiotope im Allgemeinen und trotz des lokalen Wissens über die ökologische Bedeutung dieses Gebietes im Speziellen  wird hier nun eine Planung vorgenommen, die eine irreversible Zerstörung dieser Lebensräume in Kauf nimmt. Besonders unverständlich ist dies im Kontext mit der nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt, die auch von unserem Bundesland getragen wird.

Gerade diese Küstenlebensräume liegen in besonderen Verantwortungsbereich Mecklenburg-Vorpommerns. Entscheidungen von so erheblicher ökologischer und landschaftsästhetischer Relevanz können in einer modernen Gesellschaft nicht ohne Einbeziehung der lokalen Natur- und Umweltkompetenz und nicht gegen den Willen der Menschen in dieser Region getroffen werden.

Wir fordern den sofortigen Stopp der Planung für eine Hafenerweiterung im Gebiet des Ostbreitlings.

 

Zum Beitrag:  Die Bedeutung des Warnow-Ästuars für die Artenvielfalt 

 

Brief des BUND M-V an Ministerpräsidentin Schwesig und Oberbürgermeister Madsen vom 20. 8. 2021.