Interview mit Radio Lohro am 5. April 2022:

Mit der Mitarbeiterin des BUND Susanne Schumacher sprach unser Redakteur Aldo über den Austritt des BUND aus dem Hafenforum.

Um was geht es beim Hafenausbau?

Die Hafengesellschaft RostockPort möchte bis 2030 die Hafenfläche um 660 ha rund verdoppeln, aufgeteilt in drei Bereiche: in Richtung Osten, Westen und ins Hinterland. Hiervon sind aber wertvolle – teils einzigartige - Naturräume betroffen. Die Ausdehnung nach Osten betrifft ein intaktes Küstenüberflutungsmoor – übrigens einzigartig an der dt. Ostseeküste – inkl. des Peezer Bachs. Die Ausdehnung nach Westen betrifft das Waldstück Oldendorfer Tannen und ein natürliches Steilufer der Warnow.

Der noch überwiegend natürliche Mündungsbereich des Peezer Bachs würde ausgebaggert und zum Hafenbecken und der natürlich mäandrierende Verlauf des Peezer Bachs sowie das Moor drumherum müssten weggebaggert oder mit Betonpfeilern und einer abschließenden Betondecke versiegelt werden, damit der Grund tragbar und versiegelbar wird.

Die Waldfläche Oldendorfer Tannen würde abgeholzt und ebenfalls komplett versiegelt werden. Das Steilufer würde einer Kaikante weichen.

Warum sollten Moore erhalten bleiben?

Da der Klimaschutz jahrzehntelang nicht ernst genommen wurde, kämpfen wir jetzt mit einem regelrechten Klimakollaps! Wie Sie wissen, steht unser Planet vor entscheidenden Kipppunkten. Moore sind dabei eine der wichtigsten CO2-Senken, die wir haben und sie sind natürlich, d.h. ohne technischen und finanziellen Aufwand nutzbar. Sie wachsen über Jahrtausende und speichern somit auch das CO2 über Jahrtausende. Wir müssen Moore dringend wiedervernässen und intakte Moore wie hier erst recht nicht zerstören!

Anmerkung: intakte Moore speichern pro ha und Jahr rund 6 t CO2, entwässerte Moore dagegen emittieren pro ha und Jahr mind. 25 t CO2 und das 310x klimaschädlichere Lachgas. Entwässerte Moore in MV sind mit 6 Mio t CO2-Äq. pro Jahr größte Quelle von Treibhausgasemissionen.

 

Die Flächen, um die es hier geht, erbringen uns lebenswichtige Dienstleistungen! Sie produzieren Sauerstoff, speichern wie gesagt CO2, filtern Nährstoffe, Schadstoffe und Feinstäube, speichern und verdunsten erhebliche Mengen Wasser und beherbergen hoch spezialisierte und überregional gefährdete Arten. Solche Verluste lassen sich an anderer Stelle nicht ausgleichen. Moore sind über Jahrtausende gewachsen und die Zerstörung kann nicht durch Wiedervernässung trocken gelegter Moore kompensiert werden. Die Moorzerstörung hätte zudem einen erheblichen Nährstoffaustrag in die Ostsee zur Folge, die ja schon jetzt an Überdüngung leidet. Auch die Selbstreinigung des Mündungsbereichs der Warnow würde noch weiter verschlechtert. Das ist bereits durch die aktuelle Seekanalvertiefung zu beobachten.

Auch der Wald in der Rostocker Heide – dem beliebten Naherholungsgebiet - würde zwischen Schnatermann und Markgrafenheide erheblich durch Salzstress geschädigt werden. Wird die Bachmündung vertieft und ausgebaggert, dringt das salzige Wasser weiter vor. Auch das ist bereits heute durch die Seekanalvertiefung zu beobachten.

Was ist das Hafenforum?

Das Hafenforum war ein nicht öffentliches Forum und sollte dem Austausch zwischen Hafen, Stadt, Umweltverbänden und Bürgerinitiativen dienen. Nicht öffentlich heißt aber ohne Presse und öffentliche Protokolle. D.h. die fachlichen Einwände der Umweltverbände, die seit Jahren auf die schwerwiegenden Auswirkungen für Mensch und Natur bei so einem massiven Eingriff aufmerksam gemacht haben, wurden zum einen vom Hafen ignoriert und drangen aber auch gar nicht an die Öffentlichkeit. D.h. die Wahrnehmung des Hafenausbaus ist bislang sehr einseitig und so hält der Hafen bislang kompromisslos an seinen Ausbauplänen fest.

Was gibt es für Alternativen für den Hafen?

Das vom Hafen in Auftrag gegebene sog. Seehafengutachten hält die Flächen für den Hafenausbau für geeignet. Hier wurden aber – so steht es auch drin – vorrangig die wirtschaftlichen Interessen des Hafens berücksichtigt. Schlagworte wie Klima, Klimawandel, Artensterben oder Moor kommen darin nicht vor. D.h. aktuelle Entwicklungen wie die Klimakrise und der Verlust der biologischen Vielfalt, aber auch wirtschaftliche Entwicklungen wie der geplante Bau der Fehmarnbeltquerung, der geplante Bau des polnischen Seehafens in Swinemünde, das Freiwerden von Flächen, die z.Z. noch von fossilen Kraftwerken oder Rohstoffen belegt sind, wurden nicht berücksichtigt. Auch die freiwerdenden Flächen durch die aktuellen Unternehmensschließungen sollten mit einbezogen werden.

Vorrang sollte haben: die vorhandenen Flächen effizienter zu nutzen! Künftig freiwerdende Flächen sind z.B. der Ölhafen und andere Lagerflächen für fossile Rohstoffe, sind z.B. die Werften, aber auch die riesigen Parkplatzflächen könnten in die Höhe aufgestockt werden. Vorhandene Gebäude können aufgestockt werden oder wie in vielen anderen Bereichen notwendig, sharing und co-working Modelle angeboten werden.

Noch eine Idee: müssen wir wirklich jedes Industrieunternehmen auf unseren wertvollen, weil knappen Flächen ansiedeln oder sollten wir Kriterien aufstellen, wie: z.B. Mehrnutzen für die hier lebenden Bürger, Klimaverträglichkeit, ökologisch-soziale Einstellung usw.

Was dann noch an Flächen gebraucht wird und nicht unbedingt eine Kaikante benötigt, sollte im Hinterland mit guter Anbindung v.a. an den ÖPNV angesiedelt werden. Was viele nicht wissen: nur ein kleiner Teil der Unternehmen benötigen eine Kaikante, der Großteil sind Gewerbe- und Industrieunternehmen.

Warum ist der BUND aus dem Hafenforum ausgestiegen?

Als der Hafen in einer seiner letzten Pressemitteilungen von einem konstruktiven Austausch mit den Umweltverbänden gesprochen hat, war uns klar, dass das Hafenforum nur als Vorwand diente, die Umweltverbände einbezogen zu haben. Deshalb ist jetzt auch der BUND offiziell ausgetreten, der NABU hat das ja schon vor Jahren getan.

Der jetzt vorgeschlagene Hafenbeirat ist auch nur ein fauler Kompromiss, da hier die Teilnehmer ausgesucht sind und die Bürger Rostocks lediglich durch einen der Teilnehmer vertreten werden.

Wir haben stattdessen beim Bürgerbeteiligungsbeirat der Stadt ein breites öffentliches Beteiligungsverfahren beantragt und wollen, dass das neutral vorbereitet, moderiert und nachbereitet wird.

Wie geht es jetzt weiter?

Wir warten jetzt, ob sich der Bürgerbeteiligungsbeirat für ein breites, öffentliches Beteiligungsverfahren entscheidet und gehen dann mit den Information von beiden Seiten – Wirtschaft und Umweltschutz – in die Ortsbeiräte, öffentliche Foren usw. Die Rostocker sollten erfahren, was das für Flächen sind, die hier zerstört, versiegelt und bebaut werden sollen, denn die Auswirkungen betreffen sie direkt.